Von welchem Vollbeschäftigungsplaneten kommt ihr denn?!

Ähnlich wie das kommunistische Gespenst Ende des 19Jh., geht die Idee des Grundeinkommens heute in ganz Europa um. Die Bekanntheit, die es momentan in Deutschland genießt, hängt zum großen Teil damit zusammen, dass die Piratenpartei das bedingungslose Grundeinkommen seit 2011 in ihr Parteiprogramm aufgenommen hat. Die Forderung nach einem Grundeinkommen ist aber keine Erfindung der Piraten, um ihr Programm mit Inhalten zu füllen, so wie es Herr Eppler von der SPD in seinem senilen Gastbeitrag in der Süddeutschen schreibt. Schon Anfang des 20 Jahrhunderts wurde die Idee des Grundeinkommens entwickelt, wie z. B. von dem Ökonomen Milton Friedman.

Doch wie kommt es dazu, dass gerade jetzt diese Idee wieder aufgegriffen wird? Handelt es sich dabei um eine zeitgemäße, gar verspätete Entwicklung unserer Gesellschaft oder ist es nur eine Utopie, die wir im Zuge der Kapitalismuskritik wiederentdeckt haben?

Ich arbeite, also bin ich

Seit Jahrhunderten versuchen die Menschen den technischen Fortschritt voranzutreiben, um ihre Arbeit zu erleichtern und so die „freie Zeit“ zu maximieren. Wenn man aber die heutige Zeit betrachtet, stellt man fest, dass genau das Gegenteil betrieben wird. Arbeitszeiten werden verlängert, das Renteneintrittsalter wird verschoben, Feiertage werden wegrationalisiert. Unterm Strich arbeitet man heute genauso viel, wie vor 200 Jahren. Die maschinellen Arbeitserleichterungen scheinen also nichts an der Arbeitszeit, höchstens teilweise die Arbeitsweise verändert zu haben. Der einziger Unterschied zu vor 200 Jahren ist, dass der Mensch weniger Zeit benötigt um seine private Arbeit zu erledigen, oder um es ein wenig zugespitzt zu formulieren: Um sich als Arbeits-Maschine zu reproduzieren. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass sich die Tätigkeiten der Menschen verändert haben und so ihre momentane Arbeit nicht durch Maschinen zu ersetzen wäre. Doch bei der rasanten Entwicklung der Automatisierung ist es eine logische Folgerung, dass alle standardisierbaren Tätigkeiten von Maschinen ausgeführt werden können, sogar mit einer geringeren Fehlerquote. Selbst Dienstleistungstätigkeiten, die als modern und nichtersetzbar gelten, können durch kürzere Kommunikationswege oder durch Systemoptimierungen vereinfacht werden und so Arbeitsplätze überflüssig machen. Der Grund, weshalb dies noch nicht flächendeckend umgesetzt wird, ist nicht ausschließlich der Entwicklungsstand der Technologie, sondern auch, dass Menschen sich in einem race to the bottom nicht nur andere Menschen, sondern auch Maschinen unterbieten. Die Löhne liegen sogar teilweise nur noch minimal über dem Arbeitslosengeld 2 Satz. Doch obwohl diese Situation den meisten bekannt ist und viele unter niedrigen Löhnen und Überforderung leiden, befürchten sie die Automatisierung und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was treibt also diese Menschen an, sich weiterhin diesen Bedingungen zu unterwerfen?

Arbeit gehört zur Identität des modernen Menschen. Doch was genau ist Arbeit oder besser gefragt: WER ist Arbeit? Volkswirtschaftlich gesehen lässt sich Arbeit als eine zielgerichtete und bewusste Tätigkeit zur Existenzsicherung bzw. zur Befriedigung von Bedürfnissen definieren. Arbeit an sich hat also keinen intrinsischen Wert, sondern ist nur ein Mittel, um zum Beispiel mit dem „Arbeitslohn“ die Miete bezahlen zu können. Wenn es aber nur ein Mittel zum Zweck ist, wie kann es dann etwas Natürliches sein oder die Identität des Menschen bestimmen? Und unter welcher Kategorie fallen Tätigkeiten die nicht entlohnt werden? Wenn zum Beispiel eine Person in ihre Freizeit Klavierstücke komponiert, würden wir das eher als Hobby bezeichnen, dabei ist eine bewusste und zielgerichtete Tätigkeit. Arbeitet dieselbe Person bei der Philharmonie und finanziert mit dem Komponieren von Klavierstücken ihren Unterhalt, dann geht sie im klassischen Sinne eine Arbeit nach. Das Paradoxe daran ist aber, dass wir dieselbe Tätigkeit nicht nur unterschiedlich bezeichnen, sondern auch auf unterschiedliche Weise bewerten.

(Lohn-)Arbeit ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern auch Maßstab für soziale Teilhabe und Akzeptanz. Wir fürchten also nicht nur die materielle Armut, sondern viel stärker die soziale Armut, als Folgen der Arbeitslosigkeit. Sowohl unser materieller Wohlstand als auch unsere soziale Identität ist vollkommen abhängig vom freien Markt. Der Gegenstand der sozialen Marktwirtschaft, das Soziale vor dem freien Markt zu schützen, ist also in Wirklichkeit nur Theorie. Eine soziale Sicherung der Arbeitslosen so wie wir sie kennen, kann kein angemessenes Leben und Teilhabe an der Gesellschaft mehr gewährleisten.

Es wird behauptet, dass der Mensch die Arbeit braucht um sich entfalten zu können und das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun. Ich will gar nicht bestreiten, dass Arbeit erfüllend sein kann, doch die Bedingungen für eine den Menschen erfüllende Arbeit werden sukzessive abgebaut. Zeitarbeitsfirmen und befristete Arbeitsverträge sind mittlerweile Normalität. Die Zahl der Leiharbeiter hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht . Doch gerade diese befristeten Arbeitsverhältnisse bieten nicht die Möglichkeit sich zu entfalten. Auch durch die mit dem Bologna-Prozess einhergehende Verschulung des Universitätsbetriebes wird deutlich, dass hier nicht die eigene Entfaltung im Vordergrund steht, sondern die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.

Die ursprüngliche Annahme, dass Arbeit sinnvoll ist und Menschen die Möglichkeit bietet ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Wenn die CDU mit dem Slogan wirbt „Sozial ist, was Arbeit schafft“, dann ist Arbeit nicht mehr eine Bedingung für das Soziale sondern umkehrt, nur Arbeit schaffen ist sozial. Die FDP zum Beispiel fordert, dass Arbeit sich wieder lohnen sollte. Doch an sich sollte sich Arbeit nicht nur finanziell, sondern auch sinnhaftig lohnen. Viele Jobs oder Maßnahmen für Arbeitslose sind vollkommen überflüssig: „ Arbeit muss sein, Sinn nicht“.

Der Gedanke durch die Demokratisierung der Arbeit Sinn gerecht zu verteilen ist eine postfundamentale Romantisierung des Arbeitsbegriffes. Doch diese Romantisierung von Arbeit läuft diametral dem Fakt entgegen, dass Arbeit in einer kapitalistischen Wirtschaft ein Faktor ist, der Angebot und Nachfrage unterworfen ist. Der Sinn des Lebens eines Menschen darf aber nicht an Angebot und Nachfrage geknüpft sein. Menschen in Abhängigkeit zu ihrer Arbeit zu bewerten, ist somit nicht nur veraltet und widersprüchlich, sondern auch unwürdig.

Simulierte Arbeitsgesellschaft*

Ein bedingungsloses Grundeinkommen widerspricht dem grundlegenden wirtschaftspolitischen Ziel der Vollbeschäftigung. Wie schon erwähnt scheint alles diesem Ziel untergeordnet zu sein. Wenn wir zum Beispiel zum Schutz der Umwelt weniger Autos fordern oder aus pazifistischen Gründen die Waffenproduktion einstellen wollen, dann bedeutet dies alles der Wegfall von Arbeitsplätzen. Im Zweifelsfall entscheiden wir und für die Arbeitsplätze, wie im Fall der Drogeriekette Schlecker. 2009 forderte die Gewerkschaft ver.di aufgrund schlechte Arbeitsbedingungen zum Boykott von Schlecker auf. 2012 versucht man dieselbe Drogeriekette zu retten, da man die Arbeitsplätze von tausenden Mitarbeiterinnen retten möchte. Nach dem Motto: Lieber schlechte Arbeit als keine Arbeit. Der Fortschritt des Marktes wird zum Wohle der Arbeit unterbunden. Womöglich spielt man schon mit dem Gedanken die Computer wieder durch Schreibmaschinen zu ersetzen, da so die Arbeit erschwert wird.

Um dem Traum der Vollbeschäftigung ein wenig näher zu kommen, wird entweder neue Arbeit erschaffen oder die momentane Arbeit verteilt. Da Arbeit bekanntlich Arbeit macht, werden immer mehr Kontrollfunktionen eingeführt, um die Arbeit der anderen zu bewachen. Statt verantwortungsvolles Arbeiten zu fördern setzt man nur Anreize, die Kontrolle auszutricksen. Man sollte vielleicht den jetzigen Zustand reflektieren, bevor man also die „primitiven“ Produktionsverhältnisse in der DDR belächelt, wo 10 Menschen eine Maschine bedient haben, obwohl nur eine Person dazu nötig gewesen wäre.

In Wirklichkeit glaubt niemand an die Realisierung der Vollbeschäftigung, doch durch vielfältige Tricks wird diese Illusion künstlich am Leben erhalten. Zum Beispiel werden einfach mehr Personen für die gleiche Tätigkeit beschäftigt, wofür vorher nur eine Person beschäftigt wurde. Das Tragische daran ist, dass sie nur ein Teil des Lohnes bekommen, da sie ja schließlich nur einen Teil der Arbeit verrichten. Auch hier ist nicht ein gerechter Lohn Maßstab für die Arbeit, sondern die Anzahl der Beschäftigten. Wir verteilen also Arbeit die niemand hat und niemand will.

40 Euro für den kategorischen Imperativ

Ein weiteres Indiz, dass unser Arbeitsbegriff unzeitgemäß und bedenklich ist, zeigt der Umgang mit immateriellen Gütern. Immaterielle Güter, wie Ideen oder Wissen lassen sich im zwar vermarkten, z.B. durch Buchveröffentlichungen, Lizenzen, etc., doch es lässt sich keine konsequente leistungsorientierte Entlohnung anwenden. Ist es Talent, gesellschaftlicher Nutzen oder die Mühe bzw. Arbeitszeit, dass hier als Maßstab gelten sollte?

Ein Beispiel: Sagen wir Immanuel Kant hat vier Stunden gebraucht um den kategorischen Imperativ zu formulieren. Wenn man von einem Stundenlohn eines Geisteswissenschaftlers ausgeht, wäre der kategorischer Imperativ 40 Euro wert. Der Nutzen für die Entwicklung unserer Gesellschaft lässt sich jedoch kaum quantifizieren.

Doch grade die Arbeit, die immaterielle Güter produziert wird die einzige sein, die uns in Zukunft übrig bleiben wird. doch wie gehen wir damit um? Es gibt verschiedene Arten der Entlohnung. Unabhängig davon ob wir uns für eine Entlohnung entscheiden die auf Arbeitszeit, Leistung oder Qualität basiert, wird es immer Menschen geben die durch die jeweiligen Verfahren fallen werden und deshalb ihre Existenz nicht sichern können.

Ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen laufen wir Gefahr, Kultur, Wissen und soziales Engagement auf Dauer zu verlieren.

The capitalism is dead, but it doesn’t know it

Die Frage, ob man trotz eines Grundeinkommens noch arbeiten würde, beantworten die meisten mit ja, sie befürchten aber, dass die Anderen es nicht mehr tun würden. Das Menschenbild, das wir haben ist also sehr pessimistisch. Man geht davon aus, dass Menschen immer nur ihre Vorteile aus einer Situation ziehen würden, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Ganz im Sinne von Hobbes: Homo homini lupus est. Der Mensch also als gefährlicher Wolf. Gleichzeitig verlangen wir nach mehr demokratischen Strukturen und Freiheitsräume. Wäre es unter der Annahme eines solchen Menschenbildes nicht konsequenter eine totalitäre Herrschaft anzustreben?! Was bringt uns zu dieser gespaltene Wahrnehmung?

Gerade in unserer Gesellschaft , wo man eine Grundsicherheit genießt und das Moralempfinden der Menschen sogar zur Marketingstrategie geworden ist, fürchten wir die anderen Menschen, als würden wir uns wirklich in einem Kriegszustand a la Hobbes befinden. Diese Wolfshöhle in der wir alle gedrängt werden, wird meist als Kapitalismus bezeichnet. Er sei auch der Grund weshalb sich der Mensch vom zoon politikon in einer eigennützlichen Bestie verwandelt hat. Ich denke aber, dass wir andere Menschen in Wirklichkeit fürchten, weil der Kapitalismus eben nicht mehr existiert.

Es gibt gewisse kapitalistische Scheinregeln, wie wir zu einer erfolgreichen (beruflichen) Zukunft gelangen können, wie zum Beispiel ein hoher Bildungsabschluss. Doch in der Realität sehen wir, wie Studienabbrecher Millionengeschäfte betreiben, während Diplom-Chemiker, Juristen, Ingenieure, etc. Taxi fahren oder sich mit Mini-Jobs in Callcentern über Wasser halten müssen. Obwohl ihr Wissen, wenn man es effektiv nutzen würde, einen ökonomischen Mehrwert mit sich bringen würde.

Obwohl Marx für widerlegt gilt, wird weiterhin gepredigt, dass Arbeit die einzige Quelle für Wachstum und Mehrwert sei. Es wird aber schon längst kein Profit durch Arbeit erreicht. Lukrative Geschäfte sind zum Beispiel Ankauf vor Wertpapieren oder das Ausnutzen von internationalen Gesetzeslücken (Bsp. Cross-Border-Leasing). Wenn ein Supermarktbetreiber gleichzeitig eine Vermietungsagentur besitzt um sich selbst für seine Supermärkte überteuerte Gebäude zu vermieten um den Gewinn selbst zu beanspruchen, dann ist nicht Arbeit der profitbringender Faktor.

Es handelt sich um keinen Kapitalismus, der die Maximierung des Mehrwerts und Wachstum des Kapitals als Ziel hat. Es ist eher eine Mischung aus Anarchie und orthodoxer Befolgung ökonomischer Modelle. Trotz der Wirtschaftskrise sind die meisten Wirtschaftsakteure nicht in der Lage das System und die gescheiterten Modelle in Frage zu stellen. Ganz nach dem Motto Shut up and calculate, rechnen sie ihre Gleichgewichtsvariablen und Konjunkturprognosen weiter.

Der Kapitalismus scheint also schon tot zu sein, da wir aber keine Alternativen haben, sind wir gezwungen so zu handeln, als wäre es noch am Leben. Dieser Zustand wird aber nicht lange so bestehen bleiben. Es stellt sich die Frage, wie wir es verändern können?

Um eine Antwort darauf finden zu können, muss ein Zustand erreicht werden, in dem wir in der Lage sind frei von Existenzängsten miteinander kooperieren zu können. Momentan wird nur wenigen Menschen Freiheit und Vertrauen zugestanden und zwar meist den Wirtschaftsakteuren. Die Anderen, so befürchten wir, würden jeden Grad der Freiheit ausnutzen und sich in der so genannten sozialen Hängematte ausruhen. Wir brauchen also eine Gesellschaft in der alle Menschen gleichermaßen Verantwortung und Freiheit besitzen um aus dieser selbst erbauten Wolfshöhle auszubrechen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist konditionales Gut um die Freiheit zu gewährleisten, die dafür notwendig ist, um überhaupt in der Lage zu sein, das System in Frage zu stellen und gemeinsam Lösungen und Wege zu finden, dieses zu verändern.

Das bedingungslose Grundeinkommen erfordert nicht nur eine Revolution des Arbeitsbegriffes, sondern ist eine Evolution der gesellschaftlichen Entwicklung.

Quellen:

Titel: René Pollesch aus „Schmeiß dein Ego weg“

*Zitat von René Pollesch aus „World wide web-slums“

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